Querdenker, Kritiker oder Diplomat – wer in dir hat das Sagen? Besonders in Hinblick auf eine klare, stimmige Kommunikation kann die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Persönlichkeitsanteilen wahre Wunder bewirken. Tägliche Herausforderungen lassen sich leichter bewältigen, wenn alles im eigenen Inneren an einem Strang zieht.

Kennst du das auch? Du hast einen wichtigen Gesprächstermin und weißt einfach nicht, wie du die Situation am diplomatischsten lösen sollst? Welche Kommunikationsstrategie oder Verhaltensweise für dich die stimmigste wäre? Dein Verstand sagt “geh strategisch vor!”, dein Bauchgefühl meint “nur mit Diplomatie kommen wir hier weiter”, eine dritte Stimme will dich davon überzeugen, ganz was anderes zu tun. Deine Intuition ist der Ansicht, dass du “das Gespräch erst später führen solltest” und vielleicht meldet sich noch jemand zu Wort, der dich regelrecht unter Zeitdruck setzt und darauf pocht eine sofortige Lösung zu erzielen.

“Du wirst staunen, welche Vielfalt du in dir trägst und wieviele neue Möglichkeiten sich durch die Kenntnis des inneren Teams ergeben.”

Die eigene Pluralität 

Wir kennen sie alle, diese vielen Stimmen in uns – oder wie sie in der Psychologie bezeichnet werden – unsere inneren Persönlichkeitsanteile. Jeder von uns trägt sie in sich, mehr oder weniger viele Repräsentanten der eigenen facettenreichen Persönlichkeit. Wenn wir in uns hinein hören, finden wir dort selten nur eine einzige „Stimme”, die sich zu einer bestimmten Situation oder einem Thema zu Wort meldet. In der Regel stoßen wir vielmehr auf verschiedene innere Persönlichkeitsanteile, die sich selten einig sind und die alles daran setzen, auf unsere Kommunikation und unser Handeln Einfluss zu nehmen. Täglich wird unsere Wahrnehmung durch vielerlei Dinge beeinflusst, seien diese nun im Außen oder in unserem Inneren. Alle Wahrnehmungen lösen einen inneren Verarbeitungsprozess aus, der schließlich durch sichtbares Verhalten erkennbar wird.

„Diversität und Pluralität finden wir demnach nicht nur im täglichen Arbeitsumfeld,  sondern auch in uns selbst.“

Diese „innere Pluralität” ist ein ganz normaler menschlicher Zustand. Er ist wünschenswert, denn durch ihn werden innere Synergieeffekte freigesetzt, die jede Menge Weisheit und Wissen in sich tragen. Sich die eigenen inneren Persönlichkeitsaspekte bewusst zu machen, kann eine wichtige Hilfestellung sein, besonders in Hinblick auf unsere Kommunikation.

Inneren Prozessen auf der Spur

Speziell dann, wenn wir ins Gespräch treten mit Personen, deren Erwartungen, Bildungs- und Erziehungsverständnis, kulturelle Prägungen und Sozialisation sich zu unseren  Eigenarten unterschiedet, kann es hilfreich sein, zu wissen, welchen Verarbeitungsprozessen wir innerlich gerade unterliegen.

„Situationsbedingt denken, fühlen und handeln wir unterschiedlich – immer mit Hilfe der jeweils dominierenden inneren Persönlichkeitsanteile.“

Einige davon stehen ständig im Vordergrund, andere wiederum halten ich eher bedeckt. Je nach Situation und Kontext kommen unterschiedliche innere Persönlichkeitsanteile zum Einsatz. Dies ist daran erkennbar, dass wir uns selbst oder auch von unserer Umgebung in verschiedenen Situationen unterschiedlich wahrgenommen werden. Vielleicht bist du im Umgang mit deinen KollegInnen sehr fordernd, im Umgang mit Vorgesetzten sehr diplomatisch und im Umgang mit Kunden sehr fürsorglich. An diesen Verhaltensweisen sind bereits mehrere innere Persönlichkeitsaspekte erkennbar. Wie, wann und wodurch auch immer du deine unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile wahrnimmst, Fakt ist, dass es sie gibt und dass sie unser (Er)Leben, unser Miteinander, unser Denken und Fühlen und unsere Kommunikation beeinflussen.

Die wenigsten von uns können ihre inneren Stimmen genau zuordnen oder haben sich schon einmal ganz konkret mit ihren inneren Persönlichkeitsanteilen auseinander gesetzt. Dabei ist dies eine effektive Art sich selbst und seine Bedürfnisse, die eigenen Wertvorstellungen und Prägungen ein Stück weit besser kennen zu lernen, zu hinterfragen und vielleicht neu zu definieren.

„Um sich besonders in kniffeligen Situationen besser zurecht zu finden und adäquat reagieren und kommunizieren zu können, zahlt sich ein Blick ins eigene Innere auf jeden Fall aus!“

Kompetente Unterstützung im eigenen Selbst

Wichtig zu wissen ist, dass uns unsere inneren Stimmen durchs Leben leiten. Sie sind um unser Wohlergehen besorgt, wollen uns helfend zur Seite stehen. Sie weisen unterschiedliche Richtungen auf und machen verschiedenste Perspektiven sichtbar. Meistens haben sie auch eine mögliche Lösung parat für die an uns gestellten Herausforderungen.

Alle unsere inneren Persönlichkeitsanteile haben nur eines im Sinn: sie wollen uns bestmöglich unterstützen!”

“Wie das?” fragst du dich jetzt vielleicht und denkst an deinen “inneren Kritiker”, der Sie durch seine Aussagen zeitlebens an den Rand der Verzweiflung treibt. Oder an deine “Aufschieberitis”, welche die ausgeklügeltsten und diszipliniertesten Vorsätze schon wieder aufs Neue sabotiert. Man glaubt es kaum, aber auch diese beiden inneren Persönlichkeitsanteile wollen dich vor etwas bewahren, dich schützen, dich unterstützen, weisen vielleicht auf unterschiedliche Bedürfnisse hin, sorgen beispielsweise für Selbstreflexion, Achtsamkeit oder Ruhe.

Eine Metapher für die inneren Persönlichkeitsanteile oder inneren Stimmen, die jeder Mensch in sich trägt,  fand der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun. Er prägte den Begriff des „Inneren Teams“. Die Teammitglieder besitzen individuelle Eigenschaften und stehen stellvertretend für unsere vielfältigen Bedürfnisse. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die zahlreichen Lebenserfahrungen eines Menschen, darunter die Meinung von Eltern, Freunden und Lebenspartnern oder die Werte von Gemeinschaften, denen man sich zugehörig fühlt. Die Teammitglieder unterscheiden sich dabei auf vielfältige Weise. Einige von ihnen sind laut oder leise, melden sich schnell oder langsam zu Wort, sind aktiv im Außenkontakt oder zeigen sich nur nach Innen. So gibt es welche, die die Führung übernehmen, solche, die sich als Mediator verdient machen oder solche, die nur in ganz seltenen Situationen zum Vorschein kommen.

Kennenlernen des eigenen inneren Teams - eine Anleitung:
Suche dir ein ruhiges Plätzchen, mache es dir bequem und entspanne dich mit Hilfe deiner Atmung.
Schließe deine Augen und lenke all deine Aufmerksamkeit nach Innen.
Stelle dir einen ruhigen, netten “Wohlfühlort” vor, sei er nun real oder deiner Phantasie entsprungen. Sieh dich selbst vor deinem geistigen Auge, wie du diesen Ort für eine erfreuliche Zusammenkunft herrichtest.
Spreche nun deine Einladung an deine inneren Teammitglieder aus.
Heiße jeden willkommen, der deiner Einladung folgt. Begrüße bewusst jedes Teammitglied.
Hilfreich dabei ist es, sich die inneren Persönlichkeitsanteile als Gestalt vorzustellen. Wie sieht der innere Persönlichkeitsanteil aus? Ist er oder sie oder es ein Mensch, ein Tier oder eine Märchenfigur? (Alles ist erlaubt und richtig, lass deiner Phantasie freien Lauf!)
Finde heraus, welche Eigenschaften der Persönlichkeitsanteil mit sich trägt und was er/sie/es repräsentiert?
Gebe jedem deiner inneren Persönlichkeitsanteile - oder auch anders ausgedrückt - jedem deiner inneren Teammitglieder einen Namen.
Ermittle nun auch jenen markanten Satz, den diese Stimme immer wieder von sich gibt.
Trete nach dem ersten Kennenlernen in einen Dialog mit jedem einzelnen deiner inneren Teammitglieder. Befrage diese, welche Absicht sie verfolgen, zu welchem Zweck sie für dich nützlich sind und wofür es sie gibt.
Wichtig bei dieser Übung ist eine innere wertfreie Haltung. Jedes Teammitglied sollte die Möglichkeit erhalten, sich vorstellen zu dürfen und seine/ihre Botschaft unkritisiert vorzubringen.
Expertentipp
Beobachte dich in nächster Zeit.
Schenke dir selbst Aufmerksamkeit, machen dir deine Einstellungen wie Reaktionen bewusst und ermittle mit Hilfe der Metapher der Inneren Teammitglieder, wer oder was in dir für das beobachtete Verhalten verantwortlich ist.
So kannst du nach und nach herausfinden, welche Bedürfnisse hinter deinen Verhaltensweisen stecken und behutsam und bewusst auf diese eingehen.
Halte deine Erkenntnisse schriftlich fest.

„Unsere inneren Persönlichkeitsanteile treten üblicherweise als Gedanke, innere Stimme, Gefühl, Impuls, Stimmung oder Körpersignal auf.“ 

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere. Wie in einem richtigen Team schaffen es einige, sich aufeinander abzustimmen, während andere sich vielleicht gegenseitig einschränken oder sogar bekämpfen. Zwischen den inneren Teammitgliedern herrscht eine ähnliche Gruppendynamik wie im äußeren Leben auch. Man kann sich vorstellen, wie unausgeglichen wir sind, wenn beispielsweise der “Kritiker” gegen die “Aufschieberitis” ankämpft. Wenn wir innerlich zerstritten sind, kostet das Kraft und Energie und zeigt sich auch in der Wirkung nach außen. Wie wäre es da, wenn beide Persönlichkeitsanteile bewusst zusammenarbeiten, einen Kompromiss finden würden, der für beide erstrebenswert ist? Welche positiven Auswirkungen hätte das auf unsere innere wie äußere Kommunikation?

“Was wäre, wenn du deine  inneren Stimmen deuten und positiv bewerten könntest?”

Um Ihre inneren Teammitglieder zu verstehen, in den Austausch mit ihnen zu kommen ist es im ersten Schritt erst einmal wichtig herausfinden, wer denn aller – wann und wie und wozu – in uns zu Wort kommt.

Wer sind unsere inneren “Teammitglieder”? 

Wofür gibt es den einen oder anderen inneren Anteil in uns? Welcher Zweck steckt hinter der Existenz unserer inneren Stimmen, welchen Nutzen halten sie für uns bereit? 

Um diesen Frage nachzugehen, solltest du dir Zeit für dich nehmen und in dich hinein hören.

„Lass dich auf ein Kennenlernen deiner inneren Teammitglieder ein.“

Dieses Vorgehen hat mehrere Vorteile. Denn wenn du deine Pluralität akzeptierst, ist es nicht nötig, wichtige Bedürfnisse zu vernachlässigen. Jeder Anteil findet Gehör und eine Möglichkeit sich auszudrücken. Dies führt zu einer höheren Selbstzufriedenheit. Schließlich hilft die Selbstklärung, die unterschiedlichen Empfindungen und Gedanken schnell zu verstehen und damit umzugehen.

Teammitglieder – Teamgeist – Teamleiter – Teamsitzung

Nur wenn alles in unserem Inneren vereint in eine Richtung strebt, können wir nach außen hin klar, authentisch und situationsgemäß reagieren und kommunizieren. Die Herausforderung besteht darin, die geeigneten inneren Teammitglieder zu einem gegebenen Problem zu identifizieren und zu Wort kommen zu lassen. Stehst du vor einer schwierigen Situation, wie im oben angeführten Beispiel, kann es helfen die betroffenen Teammitglieder in einer „inneren Teamsitzung” zur Zusammenarbeit zu bewegen. Um den Austausch mit ihnen und auch unter ihnen zu regeln, bedarf es einem inneren Teamleiter. Es können viele Aspekte der wirklichen Teamführung auf diesen übertragen werden, denn der Teamleiter darf neutral bleiben und alle Positionen wertschätzen. Als Teamleiter bezeichnet Schulz von Thun das übergeordnete „Ich“, die zusammenhaltende Instanz, die entweder dem Dialog seiner Teammitglieder passiv folgt oder aber aktiv eingreift, in jedem Fall aber bei außenwirksamen Entscheidungen das letzte Wort hat.

Meistens halten wir so eine “innere Teamsitzung” sowieso ab, nur mehr oder weniger unbewusst statt bewusst. Ein Durcheinander von Äußerungen, dominante innere Stimmen, die uns in eine Richtung drängen wollen versus ganz leise wahrnehmbare körperliche Regungen, die eine andere Perspektive aufweisen. Ein ungutes Bauchgefühl gegen rationale Argumente, eine nicht einzuordnende Stimmung und viele andere mögliche Erscheinungsformen prägen in der Realität die nicht bewusst kontrollierten Teamversammlungen.

Literaturhinweis:

Friedemann Schulz von Thun (2014, 13. Auflage): Miteinander reden (3): Das “Innere Team” und situationsgerechte Kommunikation, RoRoRo

Übernehme künftig ganz bewusst das Steuer
Mit der Kenntnis über deine personifizierten inneren Persönlichkeitsanteile kannst du künftig als dein eigener “innerer Teamleiter” bewusst und gewollt eine “innere Teamsitzung” einberufen.

Lade wie in oben angeführter Übung jene Teammitglieder zu einer Teamsitzung an deinen Wohlfühlort ein.
Jedes Teammitglied, welches zu dem Thema das du bearbeiten möchtest, etwas wissenswertes beitragen kann, ist eingeladen.
Du als “Oberhaupt” steuerst die Sitzung und sorgst für deren geregelten Ablauf.
Jedes Teammitglied erhält die Chance sein/ihr wichtigstes Argument beispielsweise zum bevorstehenden Gespräch vorzubringen.
Mache dir gegebenenfalls Notizen über die vorgebrachten Argumente.
Je nachdem, welche Variante für dich stimmiger und passender erscheint, kannst du nun entweder deine Teammitglieder zu einer Diskussion einladen oder sie auch wieder entlassen und die Teamsitzung beenden.
Bedanke dich bei deinen inneren Ratgebern.

Im Anschluss an die innere Teamsitzung rekapitulierst du die vorgebrachten Argumente, wäge sie ab und wähle die für dich passendsten aus.
Fazit

Mit Hilfe der inneren Teamsitzungen und der Kenntnis über deine inneren Teammitglieder, erhälst du einen Überblick darüber, was innerlich in dir vorgeht. Du weißt für welches deiner Bedürfnisse beispielsweise der “Diplomat” steht, welche Bedenken der “Stratege” hat, wofür es den “Querdenker” gibt, welchen Zweck die “Aufschieberitis” verfolgt und welches innere Bedürfnis der “Zeitdruckmacher” repräsentiert. All diese Inneren Persönlichkeitsanteile haben eine Meinung, eine Idee, eine mögliche Lösung für dein bevorstehendes Gespräch. Durch Erkenntnisse, welche du durch die Auseinandersetzung mit deinem Inneren erhälst, gelingt es dir sicher besser für dich innere Klarheit zu schaffen und im Außen überzeugend zu kommunizieren.

“Durch die Auseinandersetzung im Vorfeld mit den eigenen inneren Stimmen, kannst du die für dich stimmigste Verhaltensweise definieren.”

Ich wünsche dir Mut bei der Erforschung deiner inneren Stimmen und viel Freude bei deiner Entdeckungsreise.

Wecke, was in dir steckt! deine Kerstin

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